Freitag, 08. Februar 2019. Frischer Kaffeegeruch lag in der Luft und emsig wurden bunte Zettel beschrieben. Was erhoffe ich mir von diesem Seminar? Was benötige ich zum Gelingen des Seminars? Und was könnte mir zur Last werden? Mit diesen Fragen beschäftigten sich die Teilnehmenden im Projekt »SPEAK UP! Your voice matters I Gemeinsam gegen Diskriminierung« und so füllte sich nacheinander unser Heißluftballon und konnte gen Wochenende abheben. Auf unserer Fahrt erlebten wir viele Höhen, einige Tiefen, haben viel Neues gesehen und konnten unseren Gedanken freien Lauf lassen, bis wir schließlich am Sonntag wieder festen Boden unter unseren Füßen betreten konnten. Aber alles der Reihe nach.

Nach einem entspannten Ankommen und Kennenlernen traten wir in einen ersten gemeinsamen Austausch darüber, wie wir unser Geschlecht selber und in unserem Umfeld wahrnehmen. Wir diskutierten über Rollenzuschreibungen und Stereotypen bei Kinderspielzeug und bei Betrachtung der möglichen Geschlechterangaben auf Facebook fragten wir uns, wie viele Geschlechterkategorien es gibt bzw. geben sollte oder ob es überhaupt welche geben sollte, sodass keine Person sich mehr in eine Schublade gedrängt fühlt. Diese und weitere Fragen packten wir ein und nahmen sie mit ins Wochenende.

Gefüllte Mägen, aufgelockerte Gelenke und ausgeruhte Seelen. Der Samstag startete mit einem Blick auf den Begriff Geschlecht und dem gesetzlichen Verständnis davon. Dieses sieht Menschen in zwei grundlegende Kategorien, Frau und Mann, eingeteilt, die mit ihren gegensätzlichen Eigenschaften eine Zweigeschlechtlichkeit bzw. Binarität erzeugen. Mit „divers“ gibt es seit dem letzten Jahr einen weiteren Geschlechtseintrag, den intersexuelle Menschen und solche, die sich weder als weiblich noch als männlich definieren, genannt non-binary, in Anspruch nehmen können. Im Gespräch erkannten wir schnell, dass dies nicht ausreicht, um der geschlechtlichen Vielfalt unserer Gesellschaft gerecht zu werden und Diskriminierung zu verringern, zumal Betroffenen viele Hürden, u.a. in Form von erforderlichen medizinischen und psychologischen Gutachten, in den Weg gelegt werden. Auch über Dekonstruktion von Geschlecht, der Abschaffung von Geschlechterkategorien, berieten wir uns und stellten fest, dass wir Menschen in unserem Umfeld automatisch in Kategorien stecken, um sie für uns besser einschätzen und einordnen zu können. Schön wäre es, sich keine Gedanken darüber mehr machen zu brauchen, zumal Vorurteile und Hierarchien abgebaut werden könnten. Fragestellungen, wie z.B. ob durch Geschlechterkategorien Sozialisierung erfolge, wir überhaupt weg von Geschlechterkategorien wollen und ob hier nicht ein sozialpolitischer Auftrag vorliege, zeigten uns letztlich, dass dieser Gedanke nicht unumstritten ist.

Im zweiten Teil des Tages beschäftigten wir uns mit Sexualität und sexuellen Orientierungen. Hierzu führten wir den Begriff der Heteronormativität ein, der Heterosexualität als Normalzustand und nicht-heterosexuelle Menschen als anders bzw. „unnormal“ betrachtet. Verschiedene Beziehungskonzepte, Heteronormativität im Alltag, Umgang mit Diskriminierung als Betroffene und Beistehende und die gesetzliche Gleichberechtigung nach Artikel 3 GG u.a. gaben uns Möglichkeiten zum Nachdenken und für eine stille Diskussion. Ziel dieser Methode ist es, seine Meinung zu Problem- bzw. Fragestellungen differenziert auszuformulieren, auf Antworten anderer Personen zu reagieren, anderen Menschen genügend Raum für ihre Gedanken zu geben und sich so selbständig weiteres Wissen anzueignen. Es zeigte sich: Vieles könnte so einfach sein, anderes ist wiederum ziemlich kompliziert. „Liebe für alle und von allen“ lächelt es da von einem der Plakate herauf – im Dschungel der Fragen, Ansichten und Unsicherheiten über Diskriminierung, könnte man da nicht meinen, dass Diskriminierung da beginnt, wo eine Person beginnt, sich diskriminiert zu fühlen?

Als sich die letzten Sonnenstrahlen hinterm Horizont verdrückten, stand mit „Intersektionalität“ das letzte Thema des Tages auf dem Programm. Dieser Begriff wurde bereits im 19. Jahrhundert durch die US-amerikanische Frauenrechtlerin Sojourner Truth mit ihren Ausspruch „Ain’t I a woman“ geprägt, die damit auf die Führung feministischer Debatten durch überwiegend weiße, mittelständische Frauen aufmerksam machte. Das Konzept dahinter lässt sich am besten an einem Wollknäuel visualisieren, wobei die einzelnen Fäden verschiedene Diskriminierungs-Marker, wie z.B. Geschlecht, sexuelle Orientierung, Hautfarbe, Religion etc. symbolisieren. Versucht man einen Faden zu lösen, verknotet sich das ganze Knäuel noch mehr, was darauf rückschließen lässt, dass das Problem im Ganzen betrachtet werden muss. Hierzu traten wir in einen Open Space, d.h. wir stellten selbstständig Angebote zum Thema auf und sind mit anderen Teilnehmenden in den Austausch getreten. So wurde über Rassismus-Erfahrungen, Geschlechter-Stereotypen bei Disney und der Parallele zwischen Krankheit und Bildung gesprochen, diskutiert und Impulse ausgetauscht. Bei einer abschließenden Schreibübung reflektierten wir unsere neuen Wissensstände und entdeckten, an welchen Stellen wir noch innere Konflikte und offene Fragen haben. Ein leckeres Abendessen rundete den Abend gelungen ab.

Als auch der letzte Schlaf aus den Augen gerieben wurde, wiederholten wir spielerisch die wichtigsten Begriffe der letzten Tage und betrachteten anschließend das vorherrschende Bild, wie Männlichkeit in unserer Gesellschaft auszusehen hat. Was unter Toxischer Männlichkeit zusammengefasst werden kann, definiert einen Mann als heterosexuell, der zu jeder Zeit Sex haben sollte und keine Schwächen und Emotionen zeigen darf. Dieses Bild muss immer wieder unter Beweis gestellt werden und der damit verbundene gesellschaftliche Druck kann zu psychologischen Problemen führen, die eine erhöhte Suizidrate bei Männern herbeiführen. Nach diesem Input ging es in eine Diskussionsrunde um Geschlechtergerechtigkeit, bei der die Frage nach der Frauenquote, hier am Beispiel des Paritätsgesetzes im Brandenburger Landtag, nicht spurlos an uns vorbeiging. Nicht weniger spannend ging es bei der Frage zu, ob Geschlechterrollen den Konsum anstoßen. Schließlich bedienen sich Unternehmen heute immer noch Rollenzuschreibungen, um angeblich besser auf Bedürfnisse reagieren zu können und so mehr Profit zu erzielen. Hier kam natürlich schnell die Frage auf, was kann ich dagegen tun? Wie kann ich andere Menschen aufklären und überzeugen? In einem gemeinsamen Austausch entwickelten wir Handlungsmöglichkeiten und Strategien zum Umgang mit Diskriminierung. Wichtig ist, seinem Gegenüber trotz Meinungsverschiedenheiten Respekt zu erweisen und seine eigenen Grenzen zu kommunizieren. Anschließend sollte eine Diskussion immer auf struktureller Ebene geführt werden, d.h. man sollte Fakten und Modellprojekte anführen und keine Schuldfragen stellen. Medienbeispiele, wie z.B. Comedy-Programme, können als Unterstützung dienen.

Am Ende haben wir gelernt, dass es nicht darauf ankommt, jede Diskussion zu führen, sondern dass man mit Argumenten und Achtung anderen gegenübertritt. Wir sind alle Menschen, die auch Fehler machen und aufs Neue hinzulernen  müssen. Umso wichtiger ist, Menschen für dieses Thema zu sensibilisieren und sie zu ermutigen, selbstständig über ihr eigenes Geschlecht und ihre Privilegien nachzudenken. Wir jedenfalls blickten am Sonntag auf ein spannendes Wochenende voller neuer Erkenntnisse, Inspirationen und Spaß zurück. Schöner könnte eine Heißluftballonfahrt auch nicht sein.