Auf Einladung von Staatsminister und Minister für Kultur Rainer Robra kamen am 11.6.2026 rund 70 Vertreter*innen der Kulturlandschaft Sachsen-Anhalts in der Staatskanzlei zusammen. Im Mittelpunkt des Austauschs standen die kulturpolitischen Entwicklungen der vergangenen fünf Jahre, die Vorstellung des Kulturförderberichts 2021–2026 sowie die Perspektiven für die Zukunft des Kulturlandes Sachsen-Anhalt.
„Kultur prägt Identität, schafft gesellschaftlichen Zusammenhalt und stärkt die Attraktivität Sachsen-Anhalts. Die Landesregierung hat in den vergangenen fünf Jahren konsequent daran gearbeitet, die Sichtbarkeit der Kultur zu erhöhen, Förderstrukturen weiterzuentwickeln und die Zusammenarbeit über Ressortgrenzen hinweg zu stärken“, erklärte Robra.
Robra stellte den Anwesenden auch den Kulturförderbericht 2021–2026 vor, mit dem die kulturpolitische Entwicklung noch einmal umfassend dokumentiert wird. Der Kulturförderbericht steht online zur Verfügung: https://kultur.sachsen-anhalt.de/ministerium/publikationen-reden
Für die .lkj) Sachsen-Anhalt nahm unsere Kollegin Nadia Boltes an der Gesprächsrunde teil und brachte die Perspektive der Kulturellen Bildung in die Debatte ein. In ihrem Statement machte sie deutlich, warum verlässliche kulturelle Infrastruktur, langfristige Förderstrukturen und starke Netzwerke unverzichtbar sind, wenn Kinder und Jugendliche auch künftig kulturelle Teilhabe, Persönlichkeitsentwicklung und demokratische Mitgestaltung erfahren sollen.
Das vollständige Statement dokumentieren wir nachfolgend.
Kulturelle Bildung braucht starke Strukturen für die Zukunft junger Menschen in Sachsen-Anhalt
Wenn wir über Kultur sprechen, sprechen wir häufig über das, was sichtbar ist: über Theateraufführungen, Konzerte, Festivals, Ausstellungen und Projekte. Doch jedes Haus braucht ein Tragwerk. Etwas, das verbindet, Lasten trägt und Stabilität gibt. Ohne dieses Tragwerk bleiben auch die schönsten Räume nicht dauerhaft bestehen. Für uns ist das eine passende Beschreibung der kulturellen Infrastruktur in Sachsen-Anhalt.
Das Kulturfördergesetz und die Diskussion über die finanziellen Rahmenbedingungen der kommenden Jahre betreffen deshalb nicht nur einzelne Einrichtungen oder Förderlinien. Sie betreffen die Frage, welches Tragwerk wir für die Kultur unseres Landes langfristig erhalten und stärken wollen.
An dieser Stelle möchten wir ausdrücklich anerkennen, dass das Kulturministerium die kulturelle Kinder- und Jugendbildung in den vergangenen Jahren verlässlich unterstützt hat. Die gewachsene institutionelle Förderung hat uns ermöglicht, tragfähige Strukturen aufzubauen, neue Herausforderungen aufzugreifen, Fachkräfte zu stärken und Kulturakteur*innen im gesamten Land zu begleiten und miteinander zu vernetzen. So konnte die .lkj) Sachsen-Anhalt ihre Rolle als landesweite Fachstelle und Partnerin für die kulturelle Kinder- und Jugendbildung nachhaltig weiterentwickeln.
Unsere Aufgabe ist es dabei nicht, selbst im Mittelpunkt zu stehen. Wir unterstützen diejenigen, die jeden Tag mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Wir begleiten die Freiwilligendienste Kultur und Bildung, beraten zu Fördermitteln, koordinieren den Kinder- und Jugend-Kultur-Preis Sachsen-Anhalt, qualifizieren Fachkräfte und vernetzen Akteur*innen aller Sparten. Unsere Arbeit kommt Theatern, Museen, Bibliotheken, Musikschulen, Jugendkunstschulen, Vereinen, soziokulturellen Zentren und freien Trägern zugute – insbesondere dort, wo kulturelle Teilhabe nicht selbstverständlich zugänglich ist.
Die Frage, die uns heute beschäftigen sollte, lautet: Welche Erfahrungen brauchen Kinder und Jugendliche, um ihren Platz in einer immer komplexeren Welt zu finden?
Sie brauchen Erfahrungen von Selbstwirksamkeit. Die Erfahrung, dass aus einer eigenen Idee etwas entstehen kann. Dass ihre Stimme gehört wird. Dass unterschiedliche Menschen gemeinsam etwas gestalten können. Sie brauchen Räume, in denen sie ausprobieren, scheitern, neu beginnen und Verantwortung übernehmen dürfen. Räume, in denen sie lernen, andere Perspektiven auszuhalten, Konflikte auszuhandeln und ihre eigene Haltung zu entwickeln.
Genau diese Erfahrungen ermöglicht Kulturelle Bildung. Wenn junge Menschen auf einer Bühne stehen, eine Ausstellung gestalten, Musik machen, einen Film produzieren oder ein eigenes Projekt entwickeln, lernen sie weit mehr als eine künstlerische Technik. Sie lernen, sich auszudrücken, zuzuhören, zusammenzuarbeiten und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln. Sie erleben, dass sie ihre Umwelt mitgestalten können.
Diese Erfahrungen werden wichtiger denn je. Viele Kinder und Jugendliche wachsen in Regionen auf, die von Abwanderung und dem Rückgang sozialer und kultureller Infrastruktur geprägt sind. Kinderarmut und ungleiche Bildungschancen begrenzen oftmals die Möglichkeiten zur Teilhabe. Gleichzeitig erleben junge Menschen eine Welt, die von permanenter Veränderung geprägt ist: Künstliche Intelligenz verändert Lern- und Arbeitswelten, soziale Medien beschleunigen die Verbreitung von Informationen und Desinformation, gesellschaftliche Debatten werden härter und Polarisierung nimmt zu.
In einer solchen Zeit reicht Wissensvermittlung allein nicht aus. Junge Menschen brauchen Orientierung, Resilienz, Kreativität und die Fähigkeit, kritisch zu denken. Sie brauchen Orte, an denen sie Demokratie nicht nur erklärt bekommen, sondern erleben können. Orte, an denen sie erfahren, dass sie selbst etwas bewirken können.
Genau deshalb ist Kulturelle Bildung keine freiwillige Ergänzung unseres Bildungssystems und keine Nebensache der Kulturpolitik. Sie ist eine Investition in die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen, in gesellschaftlichen Zusammenhalt und in die Zukunftsfähigkeit unseres Landes.
Umso größer ist unsere Sorge angesichts der politischen Debatten der vergangenen Jahre. In den letzten Haushaltsverhandlungen wurde beantragt, die Förderung der .lkj) Sachsen-Anhalt vollständig zu streichen. Ein solcher Schritt würde nicht lediglich einen Verband betreffen. Er würde eine landesweite Fach-, Vernetzungs- und Unterstützungsstruktur infrage stellen, die über Jahrzehnte gewachsen ist. Verloren gingen nicht nur Projekte oder Stellen, sondern Fachwissen, Netzwerke, Beratungskompetenz und Unterstützungssysteme, die vielen Akteur*innen in der Fläche zugutekommen.
Strukturen wie diese entstehen nicht in einem Haushaltsjahr. Sie wachsen über viele Jahre durch Vertrauen, Zusammenarbeit und gemeinsame Verantwortung. Werden sie geschwächt, sind sie nur schwer wieder aufzubauen.
Deshalb verbindet sich mit dem Kulturfördergesetz für uns eine zentrale Hoffnung: Dass es nicht nur Kultur fördert, sondern ein klares Bekenntnis dazu abgibt, welche kulturelle Infrastruktur Sachsen-Anhalt für die Zukunft braucht. Und dass wir gemeinsam Wege finden, diese Infrastruktur auch über Wahlperioden und politische Mehrheiten hinweg zu sichern.
Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir uns diese Strukturen leisten können.
Die entscheidende Frage lautet, ob wir es uns leisten können, auf sie zu verzichten.
Wenn wir wollen, dass Kinder und Jugendliche in Sachsen-Anhalt auch künftig Zugang zu kultureller Teilhabe, Persönlichkeitsentwicklung und demokratischer Mitgestaltung haben, dann müssen wir die Tragwerke stärken, die diese Möglichkeiten Tag für Tag im ganzen Land schaffen.


