Wahlprüfsteine - Antwort BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN

Antworten von BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN auf die Fragen der .lkj) Sachsen-Anhalt e. V. 2011

Landtagswahl 2011
Wahlprüfsteine zur kulturellen Bildung

Kulturelle Bildung
Dem Motto “Kultur und Bildung für alle” verpflichten sich die Akteure der kulturellen Bildung in Sachsen-Anhalt in besonderer Weise. Dazu gehört es auch, Fragen der Benachteiligung und Ausgrenzung – sei es in ökonomischer, politischer ethnischer, geschlechtsspezifischer Hinsicht oder im Hinblick auf Behinderungen – besonders zu thematisieren. Kulturelle Bildung als lebenslanger Prozess erfordert ein Bildungssystem, das für alle Lebensalter entsprechende Möglichkeiten bereitstellt.

Kulturelle Kinder- und Jugendbildung
Ob Musik, Theater, Tanz, Literatur, Bildende Kunst oder audio-visuelle Medien: Jedes kulturelle Bildungsangebot erschließt jungen Menschen eigene Ausdrucksmöglichkeiten. Kinder und Jugendliche setzen sich aktiv und spielerisch mit der eigenen und der Lebenssituation anderer auseinander. Die Förderung von Kinder-, Jugend und Soziokultur ist Ausdruck einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung. Aktivitäten in diesem Bereich werden vor allem von Fachorganisationen, Initiativen, Vereinen und Einrichtungen geleistet.

1. Kultur als Pflichtaufgabe? Kultur nach Kassenlage?


Sachsen-Anhalt ist auf einem guten Weg, kulturelle Bildung rechtlich abzusichern (Musikschulgesetz, Bibliotheksgesetz) und damit Empfehlungen der Enquete-Kommission “Kultur in Deutschland” umzusetzen. Wie soll zukünftig der Abgrenzung zwischen pflichtigen und freiwilligen Aufgaben in der Kultur geregelt werden?
Sollte aufgrund der demografischen Entwicklung im Bereich der Kinder- und Jugendbildung und der Kultur gespart werden?

Eine kulturelle Grundversorgung, insbesondere auch in den ländlichen Gebieten des Landes, ist als eine Pflichtaufgabe des Staates zu sehen. Zur Finanzierung und damit zur Erhaltung der Kultureinrichtungen treten wir für ein Kulturraumgesetz ein. Die Definition konkreter gesetzlicher Pflichtaufgaben ist aber sehr sinnvoll und sollte ausgeweitet werden, um die Grundversorgung zu definieren und von der Kassenlage unabhängiger zu machen. Kunst und Kultur für Kinder und Jugendliche sollen Pflichtaufgabe der Kommunen und des Landes werden. Das trägt dazu bei, dass Kinder und Jugendliche sich entsprechend ihrer Neigungen ABER unabhängig vom Geldbeutel ihrer Eltern in diesem Bereich betätigen können.
In den nächsten Jahren ist keine dramatische Verringerung der Anzahl von Kindern und Jugendlichen in Sachsen-Anhalt zu erwarten. Auch verlangsamt sich der Bevölkerungsrückgang, in Magdeburg ist er vielleicht sogar schon beendet. Deshalb kann die demographische Entwicklung kein Argument für Sparmaßnahmen bei der Kultur sein. Im Gegenteil, gute kulturelle Angebote sind wichtig, um das Land für Investitionen und Zuwanderung attraktiv zu machen.

2. Teilhabe – Soziale Aspekte


Teilhabe: Jedes Kind in Sachsen-Anhalt soll die Möglichkeit haben, an kulturellen Angeboten teilzuhaben. Wie soll dies in der Praxis umgesetzt werden? Streben Sie besondere Programme für “bildungsferne Schichten” oder “sozial Benachteiligte” Bevölkerungsgruppen an, welche Rolle spielt in diesen Programmen Kultur und kulturelle Bildung? Sollte es für Menschen mit Behinderungen eine besondere Förderung der kulturellen Bildungsangebote geben?

Die kulturelle Bildung ist ein ernst zu nehmender Auftrag an die Kitas und die Schulen. Darüber hinaus ist es notwendig, gezielte Angebote an Kinder bildungsferner Schichten zu entwickeln und zu finanzieren.

Wir fordern einen Kulturgutschein für Kinder und Jugendliche ebenso wie die kostenfreie Benutzung der Bibliotheken für diese NutzerInnengruppe. Wir stehen für eine Ganztagsschule, die den Schülerinnen und Schülern sinnvolle Freizeitangebote unterbreiten.

Die gesellschaftliche Partizipation von Menschen mit Behinderung am kulturellen Leben ist ein Menschenrecht, das durch eine UNO-Konvention, die seit zwei Jahren gültig ist, geschützt wird. Somit steht das Land in der Pflicht, den Zugang dieser Menschen sowohl zur Wahrnehmung vorhandener kultureller Angebote, als auch zur Entwicklung eigener kultureller Angebote zu fördern. Das kann zum Beispiel durch die Finanzierung von Gebärdendolmetschern bei Kulturveranstaltungen oder die Förderung von Theatergruppen behinderter Menschen geschehen. An vielen Stellen sind noch barrierefreie Zugänge zu öffentlichen Gebäuden zu finanzieren.

3. Schulische und außerschulische Bildung


Wie stehen Sie zur Vernetzung der Politikfelder – Jugendpolitik, Kulturpolitik, Bildungspolitik – wie kann diese realisiert werden, ist eine durchlässige Förderung kultureller Bildung aus diesen drei Politikfeldern im Sinne einer Baukastenförderung sinnvoll und umsetzbar?

Diese Politikfelder müssen unbedingt vernetzt und in der Verantwortung eines Ministeriums zusammengefasst sein. Mit den Ganztagsschulen wird das soziale Zusammenleben an den Schulen einen höheren Stellenwert im Bildungsauftrag erhalten. Die Schulen müssen damit auch Aufgaben der Jugendpolitik und Kulturpolitik stärker in ihre Arbeit einbeziehen. Die Gesamtschulen müssen für derartige Angebote Mittel oder finanzierte Kooperationspartner haben.
Welchen Stellenwert soll kulturelle Bildung und ästhetische Früherziehung im Vorschulbereich erhalten und wie soll diese gefördert werden?

Wir wollen die frühkindliche Bildung in den Kitas stark ausbauen. Dazu gehören selbstverständlich auch kulturelle Bildung und ästhetische Früherziehung. Insbesondere soll zum Beispiel eine musikalische Früherziehung an den Kitas erfolgen, indem Personal entsprechend qualifiziert wird. Das ist eine längerfristig umzusetzende Aufgabe.

Welchen Stellenwert hat die schulische und außerschulische Bildung in der zukünftigen Landespolitik?

Sie hat einen sehr zentralen Stellenwert, da hiermit die Zukunftsfähigkeit des Landes gesichert wird.

Ganztagsschulen bieten Freiräume für die persönliche Entfaltung der Schülerinnen und Schüler, indem sie Übungsräume für unterschiedliche Betätigungen vorhalten und den Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit geben, Neues auszuprobieren, kreative Tätigkeiten nachzugehen, ein Instrument zu erlernen oder sich in einer Sportart zu engagieren.

Wie wichtig ist kulturelle Bildung im Vergleich zu anderen (sozialen, naturwissenschaftlich-technischen, beruflichen, ökologischen) Aspekten?

Wir sehen alle diese Aspekte als sehr wichtig an. Keiner darf vernachlässigt werden. Gleichzeitig sollten besondere Interessen einzelner Schülerinnen und Schüler gefördert werden. Alle genannten Aspekte sind unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit zu betrachten.

Welchen Stellenwert haben kulturelle Bildungsangebote an Schulen? Sollen diese für Schülerinnen und Schüler kostenlos sein?

Derartige Angebote sollten an Schulen selbstverständlich sein und sind in der Ganztagsschule Teil der schulischen Tagesgestaltung und daher kostenlos. Auch darüber hinaus gehende kulturelle Bildungsangebote sollen in gewissem Mindestumfang kostenlos sein.
Siehe Antwort auf Frage 1.

Wie kann im Bereich der Ganztagsschulen professionelle Qualität – z. B. bei Angeboten von Künstlerinnen und Künstlern – gesichert werden?

Die Schulen müssen in ihren Budgets, die sie künftig selbst verwalten sollen, auch über Mittel verfüge, um auf Honorarbasis besondere Angebote dieser Art zu realisieren.

Sehen Sie es als Landesaufgabe an, die Aktivitäten und Angebote der kulturellen Bildung landesweit zu erfassen, um im Bereich Schule / Ganztagsschule die Information und Wirkung der kulturellen Bildung zu verbessern?

Die Landesregierung sollte einen Überblick darüber haben, was auf diesem Gebiet geschieht. Darüber sollte auch landesweit informiert werden, damit interessante Ideen und Angebote eine größere Verbreitung erfahren. Es ist auch nützlich, die Wirkung von Angeboten mit dem Ziel der Qualitätsverbesserung zu untersuchen.

4. Spezielle Szenen


Wie sollen Kinder und Jugendliche an die Theaterszene bzw. an das Theater im Land herangeführt werden?

Grundsätzlich sollten kulturelle Angebote für alle Bürgerinnen und Bürger in erreichbarer Nähe zum Wohnort vorhanden sein. Das gilt natürlich auch für Schulstandorte. Die Heranführung soll durch Möglichkeiten zum Theaterbesuch altersgerechter Stücke mit Kita oder Schulklasse sowie Angebote, selbst Stücke zu spielen – was bereits in vielen Kitas und Theater-AGs an Schulen erfolgreich realisiert wird -, erfolgen.

Will sich das Land bei der Fortführung der Mehrgenerationenhäuser und intergenerativer Projekte engagieren?

Mit der Zunahme des Anteils älterer Menschen und dem häufigeren Auftreten altersbedingter Probleme ist es sehr sinnvoll derartige Projekte zu entwickeln und zu fördern. Das dafür eingesetzte Geld wird im Sozialhaushalt an anderer Stelle gespart, wenn dadurch Einweisungen in Pflegeheime hinausgeschoben oder verhindert werden.

Musik: Halten Sie eine Initiative, wie “Jedem Kind ein Instrument” (Programm aus NRW) für sinnvoll in Sachsen-Anhalt?

Ein solches Programm wäre sehr zu begrüßen, aber die personelle und finanzielle Realisierbarkeit scheint eher fraglich. Falls es Finanzierungsquellen gibt, sollte das Land durch Kofinanzierung derartige Initiativen unterstützen.

Welchen Stellenwert in der zukünftigen Landespolitik haben Literatur- und Leseförderung, welche Rolle spielt hier die Kinder- und Jugendbildung?

Wir setzen uns sehr dafür ein, den Bildungsauftrag an die Kitas generell stark auszubauen. Dazu gehört auch die Leseförderung. Zum Beispiel sollte regelmäßiges Vorlesen in den Kitas selbstverständlich sein und das Lesen lernen bereits in der Kita beginnen. Das erfordert eine entsprechende Qualifizierung des Personals. Die Leseförderung an den Schulen muss flächendeckend intensiv betrieben werden. Es gibt Schulen, an denen das vorbildlich funktioniert. Auch muss der Zugang zu Büchern über öffentliche Bibliotheken für Kinder und Jugendliche kostenlos sein. Die vorhandenen Schulbibliotheken müssen weiterhin gefördert werden. Auch unterschiedliche Formen der Kooperation von öffentlichen und Schulbibliotheken sind denkbar.

Welche Rolle spielt die Kultur bei integrativen Projekten für MigrantInnen? Wird es im Bereich “Integration von MigrantInnen” eine gezielte Förderung geben?

Rein von der Anzahl her scheint uns die Integration von MigrantInnen in Sachsen-Anhalt kein großes Problem zu sein. Grundsätzlich halten wir die Förderung kultureller Projekte, die die Integration von MigrantInnen zum Ziel haben, für sehr sinnvoll.

Welchen Stellenwert soll zukünftig Medienbildung in Sachsen-Anhalt haben, wie können die Bürgermedien (Offene Kanäle, Nichtkommerzielle Lokalradios) dabei mitwirken?

Mit dem Ziel der Jugendförderung und der Förderung bürgerschaftlichen Engagements unterstützen wir derartige Projekte.

Trägerförderung: Ist die Landespolitik bereit, die kulturelle Trägerlandschaft bei der Akquise von EU-Projekten und europäischen Mitteln organisatorisch und materiell zu unterstützen (Beratung, Ko-Finanzierung, Bürgschaften)?

Das sollte das Land unbedingt tun. Die Einwerbung von EU-Mitteln ist ohne eine solche Unterstützung kaum möglich. EU-Projekte schaffen neben dem Zufluss von Mitteln auch eine positive öffentliche Aufmerksamkeit, die für das Land nützlich ist.

5. Breitenkultur, Hochkultur, Kulturwirtschaft


Welchen Stellenwert hat die sogenannte Breitenkultur im Vergleich zur “Hochkultur”, wie soll sich dies in der Landesförderung auswirken?

Diese Aspekte der Kultur sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Das Land braucht beides. Sie ergänzen sich und sollten in einer gesunden Mischung von der Landespolitik gefördert werden. Wir setzen uns zum Beispiel für den Erhalt möglichst vieler Schulen im ländlichen Raum ein. Nicht nur um kurze Wege für die SchülerInnen zu erhalten, sondern auch damit die Räumlichkeiten für kulturelle Nutzungen zur Verfügung stehen. Das Land ist für viele Bürger und Besucher nur attraktiv, wenn auch professionelle Angebote der “Hochkultur” vorhanden sind. Der bisherige Umfang dieses Angebots sollte keinesfalls verringert werden.

Könnte und sollte durch Maßnahmen der Landespolitik das “Klima” für Breitenkultur, Volkskunst, Amateurkunst, Kinder- und Jugendkultur verbessert werden?

Die Landespolitik muss dafür sorgen, dass vorhandene öffentliche Räumlichkeiten erhalten bleiben und für diese Zwecke genutzt werden können. Derartige Angebote werden zumeist durch bürgerschaftliches Engagement realisiert und müssen nicht mit großen Kosten verbunden sein. Mit einer Würdigung besonderer Leistungen auf diesem Gebiet durch die Landesregierung, etwa eines Landespreises, kann das Klima für Breitenkultur gefördert werden, ohne den Landesetat sehr zu belasten. In einem gewissen bescheidenen Umfang ist eine Möglichkeiten zu besonderen Projektförderungen sinnvoll.

Welche Bedeutung in der Kulturförderung soll die Kunststiftung Sachsen-Anhalt hinsichtlich der Breitenkultur haben?
BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sehen in der Kunststiftung Sachsen-Anhalt eine sehr gute Möglichkeit, unabhängig vom haushaltspolitischen Tagesgeschäft künstlerische und kulturelle Projekte fördern zu können. Diese Möglichkeit sollte insbesondere in der Weise genutzt werden, dass Projekte ermöglicht bzw. unterstützt werden, die auf anderen Wegen nicht realisierbar sind.
Ein Grundgedanke bündnisgrüner Politik und bündnisgrünen Handelns ist die Ermöglichung von Teilhabe Aller, auch Teilhabe an Kultur und kultureller Bildung. In diesem Sinne könnte die Kunststiftung auch Projekte unterstützen, die Ehrenamtliche, Kinder und Jugendliche in der Teilhabe an Kunst unterstützt.

Wie können Absolventinnen und Absolventen künstlerischer, kulturpädagogischer und kulturwissenschaftlicher Studiengänge in Magdeburg, Halle und Merseburg im Land gehalten werden? Gibt es Überlegungen, die Kulturwirtschaft zu stärken?

Wir sehen die Kulturwirtschaft als sehr wichtigen Wirtschaftsfaktor, insbesondere auch im Zusammenhang mit dem für Sachsen-Anhalt sehr bedeutenden Tourismus. Ein vielfältiges, gut vernetztes Angebot muss Ziel der Kulturpolitik sein. Touristen, die kulturelle Angebote wahrnehmen, bringen Geld ins Land. Der Landespolitik kommt die wichtige Aufgabe zu, hier Synergieeffekte zu verstärken und neben der eigentlichen Förderung auch die Vermarktung der Angebote zu unterstützen.
Die AbsolventInnen entsprechender Studiengänge lassen sich nur halten, indem die Entwicklung der Kulturwirtschaft ihnen Arbeitsmöglichkeiten eröffnet. Sinnvoll ist es, wenn das Land durch Anschubfinanzierungen und Bürgschaften interessierten AbsolventInnen mit einer guten Idee die Möglichkeit zu Existenzgründungen eröffnet.